Todesstrafe in Südostasien – ein aktuelles Briefing

Positive Schritte zur Abschaffung der Todesstrafe in mehreren südostasiatischen Staaten verstärken die Isolation Singapurs und anderer Länder, die in dieser Weltregion weiterhin die Todesstrafe vollstrecken.

Zu den elf Mitgliedsstaaten des Verbands Südostasiatischer Nationen (ASEAN) gehören Brunei Darussalam, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand, Timor-Leste und Vietnam. Immer mehr ASEAN-Staaten unternehmen positive Schritte zur Reduzierung der Anwendung und des Umfangs der Todesstrafe. Dies verleiht der Abschaffung in einer Region, die historisch mit starker Unterstützung dieser grausamen Strafe verbunden ist, neue Dynamik, so Amnesty International im Vorfeld des Welttags gegen die Todesstrafe am 10. Oktober. Die Fortschritte vieler Länder beim Überwinden der Todesstrafe unterstreichen die Isolation Singapurs als Außenseiter in der Region, da Hinrichtungen weltweit inzwischen auf eine kleine Gruppe von Ländern beschränkt sind.

In den vergangenen 20 Jahren haben eine Welle von Reformen und ein Rückgang der Zahl der Hinrichtungen in den mittlerweile elf ASEAN-Mitgliedstaaten das Bild der Todesstrafe in der Region verändert und sie den drei Ländern angenähert, die die Todesstrafe per Gesetz vollständig abgeschafft haben (Kambodscha, Philippinen, Osttimor). Dies geht aus dem neuen Bericht von Amnesty International mit dem Titel „Changing Tides: Reform and resistance on the death punishment in ASEAN ‒ Sich wandelnde Strömungen: Reform und Widerstand hinsichtlich der Todesstrafe in der ASEAN-Region“ hervor. Anfang des Jahres feierte Indonesien zehn Jahre ohne Hinrichtungen, während Malaysia und Thailand voraussichtlich 2027 bzw. 2028 dieselbe Wegmarke erreichen werden. Auch Brunei Darussalam und Laos haben keine Hinrichtungen mehr vollzogen, Todesurteile wurden in den letzten Jahrzehnten nur selten verhängt. Myanmar, Singapur und Vietnam halten jedoch weiterhin an der Todesstrafe fest.

„Die Zahl der Länder in der ASEAN-Region, die Hinrichtungen durchführen, ist stetig gesunken. Nur Myanmar, Singapur und Vietnam haben in den letzten fünf Jahren Hinrichtungen durchgeführt“, sagt Joshua Ericsson, Geschäftsführer von Amnesty International Malaysia. „Diese Entwicklung unterstreicht die zunehmende Isolation jener Staaten, die weiterhin an der Todesstrafe festhalten und die Beibehaltung dieser grausamen Strafe als einzigartig wirksam für die öffentliche Sicherheit rechtfertigen. Die Reformen in den ASEAN-Staaten beweisen, dass diese Position nicht haltbar ist. Wenn Menschenrechte in den Mittelpunkt strafrechtlicher Maßnahmen gestellt werden, gerät die Todesstrafe ins Wanken. Staaten müssen den Übergang von der bloßen Aussetzung von Hinrichtungen hin zu formellen Moratorien und schließlich zur vollständigen gesetzlichen Abschaffung vollziehen.“

Singapur handelt mit seiner Todesstrafenpraxis gegen den regionalen Trend

Singapur ist nach wie vor der einzige ASEAN-Mitgliedstaat, der regelmäßig Hinrichtungen vollzieht und sich offen gegen substanzielle Reformen ausspricht. Damit steht das Land im Widerspruch zu den breiteren regionalen und globalen Trends hin zu einer Einschränkung und Abschaffung der Todesstrafe. Bis zum 30. September 2026 haben die Behörden des Stadtstaats in diesem Jahr schon 19 Hinrichtungen vollzogen, alle wegen Drogendelikten. Damit wurde die Zahl der 17 Hinrichtungen aus dem Jahr 2025 bereits übertroffen und die Zahl der neun Exekutionen aus dem Jahr 2024 hat sich mehr als verdoppelt. Amnesty International dokumentiert weiterhin zwingende Todesurteile, die zumeist wegen Drogenhandels und auf der Grundlage unfairer Verfahren verhängt werden. Dies macht die Hinrichtungen nach internationalem Menschenrechtsrecht und -standards rechtswidrig und willkürlich. Besorgniserregend ist, dass die Behörden ihre Bemühungen verstärkt haben, Aktivist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen, die sich gegen die Todesstrafe engagieren, ins Visier zu nehmen und zum Schweigen zu bringen.

Rückschritte

Ein schwerer Rückschlag war die Wiederaufnahme der gerichtlichen Hinrichtungen durch die Militärbehörden in Myanmar im Jahr 2022. Es ergingen Todesurteile nach grob unfairen Verfahren und nach mehr als drei Jahrzehnten ohne Hinrichtungen. Myanmar erweiterte zudem in den Jahren 2025 und 2026 den Anwendungsbereich der Todesstrafe.

Stimmungsumschwung hin zur Abschaffung

Mehrere ASEAN-Staaten haben bedeutende Reformen umgesetzt, darunter die Einschränkung des Anwendungsbereichs der Todesstrafe, die Abschaffung der obligatorischen Todesstrafe und die Einführung von Wiederaufnahmeverfahren sowie neuer politischer Verpflichtungen zur Überprüfung oder Reduzierung dieser grausamen Strafe.

„Indonesien, Malaysia, Thailand und Vietnam führen die neue Reformwelle an, indem sie den Anwendungsbereich der Todesstrafe weiter einschränken“, sagt Joshua Ericsson. In Vietnam beispielsweise ist die offizielle Zahl der Hinrichtungen zwar ein Staatsgeheimnis und daher schwer zu bestätigen, doch die Behörden haben Reformen vorangetrieben, die die Zahl der Kapitalverbrechen innerhalb von gut einem Jahr von 18 auf vier reduzieren sollen. „Wenn sich dieser Trend in der Region fortsetzt, werden wir einen deutlichen Rückgang der Zahl der zum Tode Verurteilten und derer, die im Todestrakt sitzen, erleben.“

Thailand hat mit seinem Drogenkontrollgesetz von 2021 die Umstände, unter denen die Todesstrafe für Drogendelikte verhängt werden kann, eingeschränkt. In Malaysia haben jüngste Gesetzesreformen das System der Todesstrafe grundlegend verändert und dafür gesorgt, dass weniger Todesurteile ergehen. In Indonesien stuft ein neues Strafgesetzbuch die Todesstrafe als „Sonderstrafe“ ein, die nur als letztes Mittel verhängt werden soll.

Die Todesstrafe für Drogendelikte bleibt bestehen

Trotz der erzielten Fortschritte wurden internationale Schutzbestimmungen und Einschränkungen bei der Anwendung der Todesstrafe im Namen der öffentlichen Sicherheit und des sogenannten „Kriegs gegen Drogen“ häufig missachtet.

„Die Todesstrafe für Drogendelikte bleibt in allen acht ASEAN-Mitgliedstaaten, die diese grausame Strafe noch vorsehen, bestehen – ein Verstoß gegen internationales Menschenrechtsrecht und entsprechende Standards“, sagt Joshua Ericsson. „Singapur nimmt in der Region eine Sonderstellung ein: Es ist das einzige ASEAN-Land, in dem wir Hinrichtungen wegen Drogendelikten bestätigen konnten und in dem bei Drogenhandel weiterhin zwingend die Todesstrafe verhängt wird.“

Mit Wirkung vom Jahr 2025 wurden in Vietnam durch Gesetzesänderungen acht Straftatbestände – darunter der Drogentransport – aus dem Katalog der mit der Todesstrafe bedrohten Delikte gestrichen. Weitere Gesetzesänderungen dürften die Zahl der Kapitalverbrechen voraussichtlich auf vier reduzieren, darunter Drogenherstellung. Thailand hat die Umstände eingeschränkt, unter denen diese grausame Strafe bei Drogendelikten verhängt werden kann. Nach der Abschaffung der obligatorischen Todesstrafe im Jahr 2023 wurden Todesurteile wegen Drogendelikten, die von malaysischen Obergerichten verhängt worden waren, im Berufungsverfahren in Haftstrafen umgewandelt.

Wandel in der Wahrnehmung der Todesstrafe

In den vergangenen 20 Jahren wurden in den ASEAN-Staaten bedeutende Fortschritte erzielt; dadurch vergrößert sich die Kluft zwischen den Ländern, die weiterhin Hinrichtungen vollziehen, und jenen, die auf dem Weg zur Abschaffung voranschreiten.

„Es ist offensichtlich, dass sich die Praxis der Todesstrafe in der gesamten Region langsam, aber sicher wandelt. Die Abschaffung der Todesstrafe rückt zunehmend in den Fokus, da Bedenken hinsichtlich der Menschenwürde und der Einhaltung internationalen Menschenrechtsrechts wachsen“, so Joshua Ericsson. Es ist an der Zeit, Wege zu finden, diesen Wandel im Diskurs in konkrete Maßnahmen zu überführen, um die rasche und vollständige Abschaffung dieser ultimativen grausamen, unmenschlichen und erniedrigenden Strafe zu gewährleisten.“

Nein zur Todesstrafe

Amnesty International lehnt die Todesstrafe in allen Fällen ausnahmslos ab. Die Organisation fordert die Regierungen der ASEAN-Mitgliedstaaten, die die Todesstrafe noch beibehalten, dazu auf, unverzüglich ein offizielles Hinrichtungsmoratorium einzuführen oder aufrechtzuerhalten und dringende Schritte zur vollständigen Abschaffung dieser grausamen Strafe zu unternehmen. Bis zur vollständigen Abschaffung sollten die Staaten die Todesstrafe für Drogendelikte streichen, das Recht auf ein faires Verfahren wahren und alle Gesetze sowie politischen Maßnahmen beseitigen, die zu einer diskriminierenden Anwendung der Todesstrafe führen.

„Die Todesstrafe bleibt die grausamste, unmenschlichste und erniedrigendste aller Strafen; doch eine Abschaffung in der gesamten ASEAN-Region ist möglich, wenn wir weiterhin entschlossen gegen die wenigen verbliebenen Befürworter auftreten“, sagt Joshua Ericsson. „Millionen von Menschen weltweit setzen sich jedes Jahr gegen die Todesstrafe ein und beweisen damit die wahre Kraft der Menschlichkeit. Amnesty International wird weiterhin ein Ende dieser grausamen Strafe fordern, bis die Welt vom Schatten des Galgens befreit ist.“

Mehr dazu

Bericht „Changing Tides: Reform and resistance on the death punishment in ASEAN“ in englischer Sprache, klick [hier]

10. Oktober – Welttag gegen die Todesstrafe

Der 24. Welttag gegen die Todesstrafe (Welttag) – ein weltweiter Aktionstag gegen diese grausame Strafe, der am 10. Oktober 2026 begangen wird – bietet einen aktuellen Anlass zum Nachdenken und zur Mobilisierung. Der Welttag ist eine Initiative, die jährlich von der Weltkoalition gegen die Todesstrafe (World Coalition Against the Death Penalty) koordiniert wird; Amnesty International ist eines ihrer Gründungsmitglieder.

Die Gesamtzahl der Länder, die im Jahr 2025 nachweislich Hinrichtungen durchgeführt haben – nämlich 17 –, entsprach weiterhin den niedrigen jährlichen Zahlen, die seit 2018 verzeichnet werden (20 Länder oder weniger).

Aktivistinnen und Aktivisten von Amnesty International werden sich in vielen Ländern gegen die Todesstrafe engagieren. Sie schließen sich unter anderem zusammen, um den Gouverneur von Kalifornien, Gavin Newsom, aufzufordern, alle Todesurteile in diesem US-Bundesstaat umzuwandeln, und um auf die Anwendung der Todesstrafe bei Menschen mit geistigen oder schweren psychosozialen Behinderungen in Japan hinzuweisen.

10. Oktober 2026