Amnesty International beobachtet seit vielen Jahren die weltweite Anwendung der Todesstrafe. Einmal im Jahr zieht die Organisation Bilanz und veröffentlicht die Erkenntnisse und Zahlen in einem Bericht. Und wie stets ergibt sich ein gemischtes Bild: Licht und noch immer viel zu viel Schatten liegen nah beieinander. Dennoch gibt es Grund zur Zuversicht, dass Amnesty International ihr Ziel erreichen kann: Eine Welt ohne Todesstrafe.
Die Todesstrafe ist immer noch ein verbreitetes Instrument
Erhängt, erschossen, enthauptet oder vergiftet: Jedes Jahr werden weltweit Tausende Menschen hingerichtet. Auffallend häufig trifft die Todesstrafe Menschen in Armut oder Personen, die ethnischen, nationalen oder religiösen Minderheiten angehören. In zahlreichen Ländern werden Todesurteile für Verbrechen verhängt, bei denen keine tödliche Gewalt angewendet wurde und die somit nicht in die Kategorie der „schwersten Verbrechen“ fallen, auf die die Todesstrafe gemäß Völkerrecht beschränkt sein muss. In vielen Staaten werden Todesurteile nach unfairen Gerichtsverfahren ausgesprochen, nicht selten auf der Grundlage von „Geständnissen“, die durch Folter oder andere Misshandlungen erpresst wurden.
Nein zur Todesstrafe
Amnesty International lehnt die Todesstrafe in ausnahmslos allen Fällen ab und setzt sich für ihre vollständige Abschaffung ein. Die Tötung eines Menschen darf nie das Ziel staatlichen Handelns sein. Die Todesstrafe ist mit grundlegenden Menschenrechten unvereinbar. Sie widerspricht den humanen Werten eines freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaats. Menschenwürde und Todesstrafe schließen einander aus. Kein Justizsystem ist fehlerfrei. Die Todesstrafe birgt das inakzeptable Risiko, dass unschuldige Menschen hingerichtet werden. Im Gegensatz zu einer Freiheitsstrafe, die bei einer späteren Entlastung aufgehoben werden kann, ist ein einmal vollstrecktes Todesurteil nicht rückgängig zu machen. Studien und Statistiken zeigen auch nicht, dass die Todesstrafe eine stärkere abschreckende Wirkung auf Verbrecherinnen und Verbrecher hat als eine langjährige Haftstrafe. Sie vermag also nicht, Menschen nachhaltiger und wirksamer von der Begehung von Straftaten abzuhalten.
Die strikte Ablehnung der Todesstrafe stellt keineswegs eine Billigung schwerer Verbrechen dar, sondern ist eine Positionierung zur Art und Weise der Bestrafung. Die Forderung von Amnesty International ist also nicht Straffreiheit, sondern kriminelle Akte mit Strafen zu ahnden, die nicht gegen grundlegende Menschenrechte verstoßen.
Die weltweite Lage im Jahr 2025
Der neue Report bilanziert die gerichtliche Anwendung der To¬desstrafe im Zeitraum Januar bis Dezember 2025 und spürt globalen Trends nach. Es ist schockierend, dass die weltweit registrierten Hinrichtungen im vergangenen Jahr den höchsten Stand seit 1981 erreichten, auch wenn sie auf eine kleine, isolierte Gruppe von Ländern beschränkt blieben. Die Anzahl neu verhängter Todesstrafen nahm gegenüber 2014 ebenfalls leicht zu. Offenbar diente die Todesstrafe in mehreren Ländern wieder verstärkt als ein Instrument der Repression und wurde als Mittel eingesetzt, um Kontrolle auszuüben, Angst zu verbreiten und staatliche Macht zu demonstrieren. Das Wiederaufleben streng strafender Ansätze im weltweiten „Krieg gegen die Drogenkriminalität“ war ebenfalls ein Faktor für den Anstieg der Exekutionen in mehreren Ländern. Einige Länder nahmen im vergangenen Jahr nach Unterbrechungen die Hinrichtungen wieder auf, andere trieben legislative Bemühungen voran, um den Anwen¬dungsbereich der Todes¬strafe auszuweiten oder diese Strafe wieder einzuführen.
Wenn es um die Todesstrafe geht, herrscht häufig Intransparenz
Die von Amnesty International erstellte Bilanz muss unvollständig bleiben, weil in etlichen Ländern der Zugang zu Informationen über die Todesstrafe eingeschränkt oder gar unterbunden ist. So beinhalten die bekannt gewordenen Gesamtzahlen beispielsweise nicht die zahlreichen Menschen, von denen angenommen wird, dass sie in der Volksrepublik China, Nordkorea und Vietnam zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Gerade von China wird gemutmaßt, dass das Land – nach wie vor – die Position des weltweit führenden „Henkerstaats“ einnimmt und jährlich tausendfach auf die Todesstrafe zurückgreift. Daher handelt es sich bei den Zahlenangaben von Amnesty International über die Todesstrafe in einer beträchtlichen Anzahl von Ländern lediglich um Mindestwerte, die erfasst wurden. Die tatsächlichen Gesamtzahlen liegen mit großer Wahrscheinlichkeit höher.
Lichtblicke im Jahr 2025
Es gab aber auch gegenteilige Bestrebungen: Rund um den Erdball gingen die Fortschritte der Staaten weiter, die Todesstrafe effektiv zu reduzieren und aus ihren Gesetzen zu streichen. Gesetzesentwürfe zur Abschaffung der Todesstrafe lagen beispielsweise den gesetzgebenden Organen Libanons und Nigerias zur Beratung vor. Das Verfassungsgericht Kirgisistans erklärte Versuche der Politik, die Todesstrafe im Land wiedereinzuführen, für verfassungswidrig. Mit Vietnam und Gambia sind zwei Staaten zu nennen, die die Todesstrafe spürbar einschränkten, indem sie sie für etliche Straftatbestände abschafften. In allen Erdregionen ist zu beobachten, dass sich die Todesstrafe auf jeweils nur einige wenige Staaten beschränkte, die Menschen zum Tode verurteilten und hinrichteten. In Europa und Zentralasien wurden weder Hinrichtungen noch Todesurteile verzeichnet. Zu den positiven Entwicklungen gehören freilich auch die zahlreichen Umwandlungen von Todesurteilen oder Begnadigungen, von denen Amnesty International erfuhr.
Die Tatsache, dass inzwischen mehr als zwei Drittel aller Länder weltweit die Todesstrafe gesetzlich oder in der Praxis abgeschafft haben, gibt Anlass zu vorsichtigem Optimismus: Der globale Trend gegen die Todesstrafe ist nicht mehr aufzuhalten. Es ist an der Zeit, dass die Länder, die weiterhin hinrichten, sich dem Rest der Welt anschließen und diese abscheuliche Praxis endgültig hinter sich lassen.
Mehr zum Jahresbericht „Todesurteile & Hinrichtungen 2025“:
♦ Pressemitteilung zum Bericht [deutsch]
♦ „Hinrichtungen & Todesurteile 2025“ – Bericht [deutsch] [englisch] | Zahlen&Fakten [deutsch]
♦ Staaten mit und ohne Todesstrafe [Länderliste]
♦ Interaktive Karte zur Todesstrafe weltweit 2011 – 2025 (englisch) [Karte]
